EINS und Tausend Worte bis zum Weltuntergang

Eintausend Wörter pro Tag. Das sind in einer Woche siebentausend Wörter. Macht im Monat ungefähr achtundzwanzigtausend Wörter, und im Jahr aufgrund von akuter Allergie gegen Kopfrechnungen ungefähr dreihundertfünzigtausend Worte. Worte, die, wenn schon nicht zu Papier, dann doch zumindest auf den Bildschirm gebracht werden wollen. Jeden Tag aufs Neue eine Rotte an Buchstabenansammlungen, die dabei helfen soll, das eigene Hirn in den Schreibmodus zu kicken und dort zu halten. Die Frage ist eigentlich: Habe ich das notwendig? Ich war doch fast zwei Jahre Berufsschreiberling, wenn auch nicht besonders bekannt oder erfolgreich. Sollte das nicht an Erfahrung reichen, um mich für sämtliche folgenden Jobs und Bücher zu qualifizieren? Wo sind die Verlage, die mir die Tür einrennen und mich um mein Erstlingswerk anbetteln? Und wo sind die Milliarden, die aus diesem Business entspringen?

Kurz gesagt: Noch nicht da. Vielleicht nie da. Aber das wichtigste Wort: Nein. Nein, es reicht nicht, dass ich mich in den nicht ganz zwei Jahren ein wenig hingesetzt, gezockt und dann darüber geschrieben habe. Klar, das hat mich in vielen Perspektiven schon weitergebracht – sowohl auf schriftstellerischer Ebene (die Deadline ist ein Feind, aber man soll seine Feinde ja lieben – außerdem macht sie so ein schönes Geräusch, wenn sie vorbeizieht) als auch auf in Ermangelung eines besseren Wortes menschlicher Ebene. Man sollte die Erfahrung gemacht haben, mit einer Gruppe von johlenden, semi-betrunkenen Games-Journalisten auf einer Holzterrasse in Dallas einen mechanischen Bullen zu reiten. Klarerweise, nachdem man selber einige Kostproben der ortsansässigen Brauereien zu sich genommen hat (und infolgedessen realisiert, dass Bier nicht unbedingt etwas mit Bier zu tun haben muss, sondern auch mehr nach schmutzigem Wasser schmecken kann).

Und doch kann man davon ausgehen, dass diese Erfahrungen, so lustig sie auch waren, nicht dafür reichen werden, mich durch den Rest meines Lebens zu tragen und mir Tür und Tor zu allen Redaktionen und Verlagen der Welt zu öffnen. Denn wie mit jeder anderer Fähigkeit ist es auch beim Schreiben die Übung, die den Meister macht. Die Kunst, an Sätzen so lange zu feilen, bis sie das Herz der eigentlichen Aussage treffen. Worte zu schreiben, in den Mund zu nehmen, zu kosten, zu probieren, zu kauen und wieder auszuspucken, um ein neues, besseres Wort zu finden. Dieser Prozess findet im Normalfall versteckt in den Autoren dieser Welt statt (ein von Kopfstößen zerbeulter Tisch, leere Zigarettenschachteln, volle Aschenbecher und mehrere Mount Everests an Kaffeegeschirr können aber Hinweise darauf liefern, dass es bei einem Schreiberling gerade nicht gut läuft), aber ich habe mich für den Moment bewusst dagegen entschieden. Stattdessen will ich mehr oder weniger öffentlich machen, was in einem Menschen vorgeht, der sich das ehrgeizige Ziel gesetzt hat, jeden Tag nicht weniger als eintausend Wörter zu schreiben.

So eine Idee kommt natürlich nicht von ungefähr. In einem Artikel auf der wunderbaren Website Medium („Medium“ im Sinne von Informationsträger, nicht wie beim halb gegrillten Steak) hat sich der Autor Srinivas Rao über seine Angewohnheit ausgelassen, jeden Tag mindestens eintausend Wörter zu Papier zu bringen. Sein Ziel dabei war simpel: Er wollte seinen Schreibstil verbessern und gleichzeitig sein Können nicht einrosten lassen – zwei Dinge, die gerne Hand in Hand über die Wiese springen. Das wirklich Interessante daran ist, dass er sich nebenbei auch noch überlegt hat, wie er seine dabei zu Papier (oder Bildschirm) gebrachten Gedanken auch noch zu Geld machen könnte – ganz der US-Amerikaner, der er nun mal ist. Es folgte ein im Eigenverlag publiziertes Buch, das über Amazon wenn schon keinen reißenden, dann aber doch beachtlichen Erfolg hatte, sowie ein Blog und ein Fernsehauftritt in einer national ausgestrahlten Late-Night-Talkshow. Kein schlechter Erfolg dafür, dass er sich nur dazu entschieden hatte, seine Tastatur ein wenig mehr als die Jahre zuvor zu ge- und missbrauchen.

Natürlich gibt es aber auch einen kleinen Trick an der Sache, oder eher einige Konditionen:

  • Keine Lust zu schreiben? Schreib tausend Wörter.

  • Keine Idee, worüber man schreiben soll? Schreib tausend Wörter.

  • Völlig verkatert vom Vorabend und mit dem Kopf in der Schüssel? Schreib tausend Wörter (und lass die Tastatur dabei in einem hygienischen Zustand).

  • Viel zu tun? Mach deine Arbeit und schreib dann tausend Wörter.

Man sieht, worauf das alles im Endeffekt hinausläuft: Disziplin zur Selbstdisziplin. Wie auch beim Sport (ein anderes großes Thema, das mit Sicherheit viele Gastauftritte hier haben wird) ist das Schreiben ein Unterfangen, das durch Wiederholungen und Übung besser wird. Statt Liegestützen und Klimmzügen wird hier aber der Stift oder wahlweise die Tastatur in Bewegung versetzt, was in Verbindung mit einigen Synapsen-Feuerwerken für halbwegs sinnvolle Sätze sorgt.

Und sinnvoll meint in diesem Fall nicht nur syntaktisch und semantisch sinnvoll, sondern auch inhaltlich. Das persönliche Ziel ist es, hier nicht nur den eigenen Kopf-Mistkübel auszuleeren und den Inhalt zu analysieren, sondern auch ein wenig zu unterhalten oder (im Extremfall und wahrscheinlich sehr selten) zu bilden. Angeblich helfen hoch gesteckte Ziele im Verlauf eines Unternehmens ja weiter, aber im schlimmsten Fall sind einfach tausend tägliche Worte zur freien Entnahme an dieser Stelle da. Games-Reviews, -Previews, Ähnliches für Serien, Filme oder was mir sonst gerade durch den Kopf geht, vermischt mit einigem an Blabla, vielleicht der einen oder anderen Tagesanekdote und viel Sport. Dazu noch massig Unsinn, und die Melange ist angerichtet. Sollte ich übrigens irgendwann dahinter kommen, dass Chats auch mit zu den tausend Worten zählen, muss ich wohl oder übel die Text-Transkripte von dort nach hier kopieren, denn ich befürchte, dass ich als stark textbasierte Lebensform dort um einiges mehr produziere, als eigentlich benötigt werden würde. Das könnte dann zwar etwas peinlich werden, aber wie der Jugendliche von heute so schön sagt: #YOLO.

Was das alles eigentlich sagen soll? Wahrscheinlich willkommen. Willkommen auf meinem Blog, willkommen in meinem Kopf. Ja, ich weiß, dass er nicht immer besonders gut aufgeräumt ist.

P.S.: Lustig, der erste Tag, an dem das Projekt läuft, und schon bin ich um 73 Wörter zu kurz unterwegs. Dafür ist wahrscheinlich in Briefen schon immer das Post Skriptum da gewesen – um die Briefe ganz auszufüllen. Bei den damaligen Preisen für Papier auch kein großes Wunder. Ein bisschen weiter ausgeholt, Sätze umgeschmiedet und schon bin ich über meinem theoretischen Limit. Die Magie der Worte.

 

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