DREI und die Rettung der Menschheit

Spät ist es schon wieder geworden, verdammt spät. Aber zumindest habe ich heute eine gute Entschuldigung für meinen inneren Chefredakteur, der mich mit funkelndem Blick und einem strengen Finger auf der Deadline anstarrt, denn das gute alte Korrektorat / Lektorat frisst doch einiges an Zeit. Vor allem, wenn zur Abwechslung einmal keine einzelnen Artikel, sondern ein komplettes Buch akribisch auf Fehler, Ungereimtheiten, freilaufende Satzzeichen und andere Bestialitäten untersucht wird – und noch dazu das Buch eines früheren Kollegen, der eine Mischung aus Semi-Autobiographie und „50 Shades of Grey“ auf meinen virtuellen Tisch knallt. Auf jeden Fall unterhaltsam und ein wenig verstörend zu lesen, wenn man sich das Sexualverhalten von Menschen vorstellt, die man zuvor noch nicht in diesem Licht betrachtet hat. Egal. Wo war ich?

BildGenau, die Rettung der Menschheit. Ein schöner Titel für einen Eintrag am dritten Tag. Hat man sich die Tage zuvor noch damit begnügt, gerade einmal sein eigenes Projekt zum Schreiben anzukündigen und am nächsten Tag zum Jedi-Ritter und -Retter zu avancieren, übt man sich nun schon an der Errettung des kompletten Planeten. Und das ist in diesem Fall nicht einmal zu hoch gegriffen, denn die letzten zwei Wochen war ich neben der Jobsuche und diesem Unterfangen hier vornehmlich mit XCOM: Enemy Within beschäftigt. Ja, das ist ein Computerspiel. Sorry an alle, die mit einer anderen Erwartung in diesen Beitrag gegangen sind – für euch habe ich morgen wieder etwas Interessantes parat. Doch weiter im Text.

Kurz zusammengefasst ist XCOM eine Neuinterpretation einer Neuinterpretation. Nachdem im letzten Jahr XCOM: Enemy Unknown auf den üblichen Konsolen und PCs erschienen war (und mir einen Pressetrip in die USA einbrachte, bei dessen erster Station in Baltimore ein Essen mit Sid Meier und bei der zweiten Haltestelle in Dallas der bereits früher erwähnte, betrunkene Ritt auf dem elektrischen Bullen auf der Tagesordnung stand), das die Neuauflage eines Klassikers aus den frühen Neunzigern war, war die Fachwelt ein wenig von den Socken. Nicht nur, dass der Charme des Originals die knapp zwanzigjährige Zeitreise überstanden hatte, nein, auch die anderen Aspekte des Spiels wussten zu überzeugen. Sogar die Steuerung auf den Konsolen per Controller ging flott und flüssig von der Hand – keine geringe Leistung, die Firaxis da auf den Tisch gelegt hatte, denn immerhin sind Strategiespiele nicht gerade dafür bekannt, eine eingängige und verständliche Steuerung mittels der paar Tasten, die ein Controller nun mal bietet, zu ermöglichen.

Nach generell guten Wertungen, aber nur einem mittelprächtigen Absatz entschied man sich bei Firaxis und 2K Entertainment dazu, einen Quasi-Nachfolger zum Nachfolger (welch Meta-Gedanke!) abzuliefern und kündigte während der E3 2013 XCOM: Enemy Within an. Der Clou: Im Endeffekt wird uns das selbe Spiel noch einmal verkauft – aber gepimpt, wie es sonst nur Vin Diesels Autos in „The Fast & Furious“ sind. Statt der exklusiven Bedrohung durch Extraterrestrische bekommt es die Erdbevölkerung nämlich auch mit einer Gruppe von Extremisten (quasi Extrem-Terrestrische) zu tun, die frei nach Christopher Nolans Batman-Verfilmung nichts lieber sehen würden als eine brennende Welt. Diese Organisation schimpft sich EXALT und ist der titelspendende Enemy Within, also Feind von innen. Doch auch die Aliens sind nicht untätig und beharken den Planeten nach wie vor mit UFO-Landungen, Zivilisten-Entführungen und wahrscheinlich auch der einen oder anderen Analsonde.

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          Die Menschheit verraten? EXALT sollte sich was schämen.

All das will fachgerecht zurückgekämpft werden, um zu verhindern, dass sich die einzelnen Unterstützer-Staaten des XCOM-Projektes der Reihe nach zurückziehen und ihre monatliche monetäre Subvention gleich mitnehmen. Alles in allem bedeutet das Mikro-Management bei der Planung der eigenen Basis, der zu startenden Satelliten, der zu kaufenden Ausrüstung, der Forschung und eigentlich auch bei den rundenbasierten Kämpfen. Mit anderen Worten: Dieses Spiel ist ein Garten Eden für jeden Freund der wohlüberlegten Planung und Ausführung. Stellt man sich nämlich bei diesen Aufgaben geschickt an, bekommt man sehr direktes Feedback von Enemy Within: Die eigenen Soldaten werden immer stärker und wachsen einem fast ans Herz (so viele von ihnen hat man nicht zu Verfügung, und sie haben so tolle Namen wie „Hulk“ und „Grunt“), erfolgreiche Schachzüge resultieren in mehr Geld und somit besserer Ausrüstung, und eine wie geschmiert laufende und fachgerecht aufgebaute Basis ist sowieso eine Gratifikation an sich.

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          Pimp my soldier – aber statt Tieferlegung gibt es Servo-Fäuste und Flammenwerfer.

Zusätzlich zu diesen Anfütterungs-Mechanismen, die schon im Originalspiel enthalten waren, gibt Enemy Within dem Konsumenten aber noch ein paar neue Spielzeuge in die Hand, die alle auf der neuen Währung Meld basieren. Diese kann in Missionen aufgesammelt werden (aber nur, wenn man schnell genug bei den das Zeug enthaltenden Containern ist – die haben nämlich ein recht kurzes Ablaufdatum in Form von Spielrunden) und in zwei neue Soldaten-Upgradeklassen investiert werden. Im biomechanischen Labor werden willige Recken zu freundlichen Versionen des Terminator umgebaut. Sie können fortan MECs nutzen – Exoskelette, die zu unglaublichen Leistungen fähig sind, was Laufweite, Spezialfähigkeiten und Durchhaltevermögen bei Schadensfällen durch E.T.s Waffen angeht. Außerdem sind sie in der Lage, unglaublich effiziente Werkzeuge zur fachgerechten Durchsiebung von grauen Männchen mitzutragen – freilich alles, nachdem man ordentlich Meld in den Ausbau der jeweiligen MECs gesteckt hat. Alternativ (weil nicht beide Modifikationen an einer einzelnen Person möglich sind) schickt man die Beinahe-Freiwilligen ins Genlabor, wo sie ebenfalls mit ordentlichem Meld-Aufwand … nun, genetisch ein wenig optimiert werden. Von einem zweiten Herz, das dem Heldentod am Schlachtfeld zumindest für eine gewisse Zeit ein Schnippchen schlägt, bis hin zu lächerlich starken Beinen für schnelle Sprünge auf Häuser ist alles dabei, was man seinen Soldaten nur antun mag.

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          Welches Körperteil hätten´S denn gern umgebaut?

Klar, an dieser Stelle kann man geistig auf die Fragen eingehen, die einem auch von den Spiel-Nebencharakteren demonstrativ unter die Nase gerieben werden: Wie weit darf man sich dem Feind technologisch annähern, um überhaupt noch moralisch von ihm unterscheidbar zu sein? Prinzipiell eine interessante Frage, aber um ehrlich zu sein: In einem solchen Spiel darf man auf solche moralischen Schwarz-Weiß-Malereien auch einmal gepflegt verzichten. Ich bin die letzte verdammte Bastion der Menschheit gegen die totale Vernichtung – wenn ich dafür ein paar Bauernopfer auf dem Altar der Technologie und der Moral bringen muss, dann sei es so.

Üblicherweise werden ja solche Review-Artikel mit einer Art Fazit geschlossen, das noch einmal alles zusammenfasst, was der geneigte Leser eh schon in den Zeilen zuvor aufgenommen hat. Aus Gründen der Höflichkeit und der narrativen Notwendigkeit von solchen Zusammenfassungen gibt’s auch hier so etwas, bis mir ein stilvolleres Mittel eingefallen ist. XCOM: Enemy Within nimmt ein erprobtes Konzept her und macht daraus etwas noch Besseres. Geistig kann man sich das in etwa so vorstellen, wie wenn man eine Pizza Margherita (denn Pizza ist mitunter das ultimative Nahrungsmittel) als Basismaterial nimmt und dann auf den grenzgenialen Einfall stößt, den flachen Fladen auch noch mit Schafskäse und Ananas-Stücken zu verfeinern. Anfangs mag man mit ein wenig Skepsis an diese Sache herangehen – warum verfeinern, wenn es doch schon so toll ist? Die Antwort: Weil noch besser immer noch besser ist. Rhetorisch nicht fein, aber korrekt.

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