VIER und springende Realitäten

Faszinierend. Faszinierend, wie fasziniert man von seiner eigenen Unzulänglichkeit oder Unzuverlässigkeit sein kann. Die harten Fakten: Nach drei mehr oder weniger zeitgerechten, weil noch spätnachts verfassten Beiträgen für dieses Machwerk habe ich es tatsächlich geschafft, den vierten Eintrag gleich einmal auszulassen. Einfach so. Klar, der Tag war stressig gewesen, aber entschuldigt das den Bruch eines Versprechens, das man sich selbst gegeben hat? Anderen gegenüber würde man so etwas doch auch nicht einfach machen. Zumindest dann nicht, wenn man noch längere Zeit Freunde haben will. Andererseits – man sollte das Leben doch auch nicht zu ernst nehmen. Immerhin kommt man nicht lebend raus.

Egal, darüber möchte ich nicht diskutieren. Zumindest nicht heute. Nach einem Gespräch mit einem geschätzten früheren Arbeitskollegen und einer entsprechenden Anregung seinerseits geht mir nämlich anderes durch den Kopf. Genauer gesagt der Zusammenhang zwischen Freerunning bzw. Parkour und bestimmten Videogames. Gibt es den?

Ich stehe da. Berechne in meinem Kopf, ob die Distanz zu groß ist, ob die Kraft reicht. Bereite mich vor. Halte den Atem an. Und dann springe ich los, presse beide Beine mit Gewalt in den Boden, die Schwerkraft scheint überwunden zu sein. Die Landung glückt, ich habe ein Hindernis überwunden, habe mich selbst überwunden, bin ein Stück gewachsen.

Ich stehe da. Berechne in meinem Kopf, ob die Distanz zu groß ist, ob die Kraft reicht. Bereite mich vor. Halte den Atem an. Und dann springe ich los, presse einen Finger mit Gewalt auf den Controller, die virtuelle Schwerkraft scheint überwunden zu sein. Die Landung glückt, ich habe ein Hindernis überwunden, habe mich selbst überwunden, bin ein Stück gewachsen.

Wenn man sich diese beiden Absätze so ansieht, kommt man unweigerlich zu einem Schluss: Jep, es gibt durchaus Ähnlichkeiten zwischen Videospielen und Erlebnissen im echten Leben – und somit auch dem Sport. In beiden Fällen reagiert unser Körper nämlich mit diversen Ankurbelungen von Körperfunktionen auf die immanente Gefahr – so, wie er es in der Steinzeit und im weiteren Verlauf der Evolution gelernt hat, um zu überleben. Dabei ist es für den Träger unseres Geistes ganz und gar unerheblich, ob denn die Gefahrenquelle nun real ist (wie im Beispielfall Parkour, wo nun mal wirklich die Schwerkraft in Verbindung mit Unachtsamkeit mit zum Teil sehr unangenehmen Überraschungen aufwarten kann) oder gänzlich virtuell ist. Nach diesem Prinzip funktionieren natürlich auch Horror-Filme: Durch die Verbindung aus Bildern, Geräuschen und Musik wird unser Gehirn ausgetrickst – ihm wird suggeriert, dass es in Gefahr ist, obwohl das Bewusstsein weiß, dass da nur ein dummer Film mit schlechten Effekten abläuft.

Was passiert nun, wenn das Gezeigte nicht nur ein automatisch ablaufender Film ist, sondern interaktiv ist? Vereinfacht gesagt reagiert der Körper einfach noch extremer: Bekommen wir bei actionreichen Filmen gerade einmal schwitzige Hände ob der gezeigten Abstrusitäten, fühlen wir uns bei einem Spiel gleich mulmig, wenn dem Avatar Gefahr droht. Man möchte sein Strichmännchen (oder Polygon-Weibchen) klarerweise am Leben erhalten – immerhin hat man mit ihm eine Bindung für´s virtuelle Leben! Legen wir das erneut auf ein Beispiel um:

Stellt euch vor, wir stehen mit Ezio auf dem Dogenpalast in Venedig. Ganz oben drauf. Der Ausblick ist herrlich, der Markusplatz liegt einige Dutzend Meter unter uns. Doch davon nicht genug: Eigentlich sollten wir auf diesen kleinen Vorsprung dort hinten – so gerade noch in Sprungweite. Oder vielleicht auch nicht. Weiß man nicht genau. Sollten wir den Knopf drücken – wissend, dass das Risiko besteht, dass der sympathisch-mörderische Italiener in ein frühes Grab segelt? Lasst euch die Szene durch den Kopf gehen und sagt Bescheid, sobald die Finger kribbeln.

Szenenwechsel: In einer sterilen, seltsam klinisch anmutenden und leicht diktatorisch angehauchten Zukunft stehen wir als junge Dame auf einem roten Kran. Erraten – wir sind im Moment in der Haut von Faith aus Mirror´s Edge. Hier wird das Spiel überhaupt fast komplett auf die Ausübung von Parkour reduziert – ein damals mutiger Ansatz von Electronic Arts und wohl auch der Grund dafür, dass das Spiele heute einen Fankult besitzt.Und wenn ihr dachtet, dass wir schon bei der Steuerung von Ezio genug geschwitzt hätten, dann bringt Mirror´s Edge noch eine neue Erkenntnis hinzu: Auch die Perspektive spielt eine wichtige Rolle, wenn wir unserem Körper vorgaukeln wollen, dass er nun verdammt noch mal angespannt zu sein hat. Faith wird nämlich aus der Ego-Perspektive gesteuert, und das in einer Form, wie sie bis dahin noch nicht wirklich üblich war. Der Clou: Die Kamera wackelt beim Laufen, neigt sich in Blickrichtungen, überschlägt sich bei der klassischen Parkour-Rolle mit … kurzum: Sie macht alles, was man auch in der Realität bei der Ausübung dieses Sports machen würde. Und es fühlt sich gut an, wenn man mit der Läuferin eine Distanz richtig eingeschätzt hat, weit genug gesprungen ist und und der Polizei ein Schnippchen geschlagen hat. Keine Frage.
Und dennoch gibt es an dieser Stelle eine Entwarnung für Sportler und eine Empfehlung für Zocker: Kein Spiel der Welt wird jemals das Gefühl ersetzen können, das man bei der tatsächlichen Ausübung von Sport an der frischen Luft hat. Und dabei spreche ich jetzt gar nicht einmal nicht nur „extremere“ Aktivitäten wir Parkour oder Extrem-Niesen (ich danke Terry Pratchett für dieses Bild in meinem Kopf, das zu später Stunde irgendwie immer wieder in meinen Gedankengängen landet), sondern auch ein kleiner sonntäglicher Lauf oder ein Abendspaziergang. Das größte Hindernis, das es zu überwinden gilt, ist nämlich immer noch der eigene Schweinehund – und es fühlt sich verdammt gut an, ihn zu besiegen.

 

Ich würde ja gerne noch weiter zu diesem Thema schreiben, aber im Moment bin ich einfach zu sehr abgelenkt. Tatsache ist nämlich, dass es 0:40 ist und in wenigen Minuten die Falcon 9-Rakete von SpaceX Richtung Weltall davonschweben soll. Ein privates Unternehmen, geleitet von „Mr. Tesla“ Elon Musk, das Transportjobs in den Weltraum schaffen kann – das Ganze halbwegs umweltfreundlich und sauber. Wenn man bedenkt, dass wir vor nicht ganz 50 Jahren zum ersten Mal am Mond waren … Wahnsinn, was ein großes Hirn leisten kann, wenn genug Initiative dahinter steckt.

Ich schweife ab und muss einen Raketenstart verfolgen. Wiedersehen.

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