FÜNF und der Spaß an der Grenze

Peinlich. Mehrere Tage hintereinander einfach nichts hier geschrieben. Nicht nur hier nicht, sondern nirgends (Chats zählen noch immer nicht). Das tut weh – dem Ego, der eigenen Moral und dem Durchhaltevermögen. Allerdings: Mit privaten Angelegenheiten wie Bewerbungsschreiben, die mit der entsprechenden Aufbereitung schon einiges an Zeit fressen, kann man sich noch irgendwie selbst entschuldigen. Oder es zumindest versuchen. Aber: Das funktioniert nicht immer, und vor allem bei Tätigkeiten, die auch ohne große Vorbereitung ablaufen. So zum Beispiel Einträge hier, die ja in den meisten Fällen einerseits als Aufwärmübung der Finger und des Hirns passieren und andererseits einem meist einfachen Gedanken entspringen, der mir tagsüber in den Kopf schießt. Meist sind diese Gedanken irgendeinem sensorischen Input geschuldet, und heute ist das ganz besonders der Fall. Dabei merke ich, dass ich mich bereits selbst gespoilert bzw. angekündigt habe, denn Durchhaltevermögen ist eigentlich ein ganz guter Ansatzpunkt für einen Teil dessen, worum es heute unter anderem geht: Laufen.

 

Als aktiver Twitter-User wird man ja den ganzen Tag über mit einer unglaublichen Menge an Informationen bombardiert. Schlagzeilen, Bonmots, rhetorische Fragen, Kurzerklärungen … es scheint keine Grenzen zu geben in der Welt der 140 Zeichen. Alleine schon die Gesetze der Wahrscheinlichkeit gebieten es aber, dass auch dabei immer wieder etwas Wertvolles dabei sein kann und muss – und wenn es auch nur für einen selbst von Wichtigkeit ist. So auch heute, als ich über einen Link zu einem Webcomic von theoatmeal gestoßen bin – ein Zeichner, der schon sehr lange seine Erfahrungen und Einsichten über das Leben, das Universum und den ganzen Rest (danke, Douglas Adams) in Comic-Strips verpackt und diese ein bis zwei Mal im Monat veröffentlicht. Dabei verstecken sich unter einigen flachen Witzen aber auch immer wieder grenzgeniale Gedanken, die den eigenen Horizont erweitern – und genau das passierte mir beim Lesen dieses Comics über das Laufen: http://theoatmeal.com/comics/running

 

Kurz gesagt erklärt theoatmeal damit, warum er sich vom Nicht-Sportler über einen Kurzstreckenläufer bis hin zum Ultra-Marathon-Läufer (als Beispiel führt er einen ~77 km langen Berglauf an) entwickelt hat, und seine Erklärung enthält mehr als ein Körnchen Wahrheit. Im Grunde genommen geht es ihm darum, sich selbst zu überwinden, stärker zu sein als der innere Schweinehund, der von ihm mit dem schönen Namen „Blerch“ bedacht wird. Seine Gründe dafür sind relativ klar – als relativ dickes Kind aufgewachsen und immer noch ein dem umfangreichen Essen nicht gerade abgeneigter Erwachsener musste er irgendwann Aktionen setzen, um nicht allzu früh das Zeitliche zu segnen und als verfetteter Blob auf der Couch zu enden. Außerdem beschreibt er sein Gefühl beim Laufen auch als eine Art Meditation. Er entwickelt im Endorphin- und Serotonin-Rausch Ideen für Comics, Texte und Geschäftsmodelle, die er nach einer Post-Lauf-Abfüllung mit diversen Futterstoffen umsetzen kann und die er ohne diese Ausschüttung an körpereigenen Drogen nicht gehabt hätte.

 Bild

Was hat das nun mit mir zu tun? Nun, ich laufe. Ich laufe hin und wieder gerne, aus Trainingsgründen und aus Selbstzweck, aber eigentlich trainiere ich damit für etwas ganz anderes. Das Laufen an sich verschafft mir nämlich nicht den Endorphinrausch, der gemeinhin als „Runner’s High“ verstanden wird. Es wäre schön, aber irgendwann wird mir beim stieren geradeaus Laufen langweilig – nicht, weil mir die Gedanken ausgehen, sondern eher, weil mir die Bewegung zu monoton wird. Doch zum Glück bin ich nicht der Einzige, dem es so geht, und deswegen haben in den letzten Jahren die Dirt Runs einen immensen Aufschwung erlebt. Das ist eine hochgestochen-importierte Bezeichnung für etwas, das man früher wohl „Abenteuerlauf“ genannt hätte: Auf einer abgesteckten Strecke von unterschiedlicher Länge werden neben einer meist aus einem Feldweg oder gleich Wald bestehenden Laufstrecke diverse Hindernisse geboten, gegen die sich der Teilnehmer durchsetzen muss. Das reicht dann von einfachen Holzpalisaden, die es zu beklettern gilt, über Schlammgruben und Schneefelder bis hin zu mit Stromkabeln bestückten Gestellen – wer durch will, nimmt Stromschläge in Kauf.

 Bild

Das klingt nun erst mal sehr wild. Welcher geistig gesunde Mensch würde sich denn solchen offensichtlich anstrengenden und teilweise schmerzhaften Erfahrungen aussetzen und noch dazu Geld dafür bezahlen? Da muss man doch einen Schaden haben?!

Nein. Eigentlich nicht.

Der Mensch ist ein komisches Wesen. Einerseits geht er recht gerne den einfachsten, den gemütlichen Weg – den des geringsten Widerstands. Andererseits sucht er immer nach Bestätigung, dass er etwas geschafft hat (was auch ein Grund dafür ist, dass wir spielen, aber dazu ein andermal mehr). Aus dieser Diskrepanz entstehen heute viele Probleme, die den modernen Menschen beschäftigen. Auch mich. Deswegen fing ich irgendwann mit dem Laufen an – nicht, um mich mit der Uhr zu messen, sondern mit mir selber. Sport aus dem reinen Zweck der Selbstbestätigung und Selbstprüfung. Das wunderschöne Zitat aus Jon Krakauers „Into the Wild“ fällt einem ein, in dem Christopher „Supertramp“ McCandless sagt:

„Es ist nicht unbedingt wichtig, stark zu sein, sondern sich stark zu fühlen. Sich selbst zumindest ein Mal zu messen.“

Interessant, dass theoatmeal das selbe Zitat in seinem Comic verbaut hat – es scheint nicht nur mich beeindruckt zu haben. Ein anderer Ultra-Marathon-Läufer namens Dean Karnazes hat einen ähnlichen Satz gesagt (das gesamte Zitat gibt es wunderschön und aussagekräftig illustriert unter Zen-Pencils, einer anderen wunderbaren Web-Comic-Seite: http://zenpencils.com/comic/30-dean-karnazes-theres-no-struggle-in-our-lives/ ):

„Ich habe herausgefunden, dass ich mich niemals mehr am Leben fühle als in den Momenten, in denen ich mich antreibe. Wenn ich Schmerzen habe. Wenn ich nach großen Dingen strebe. In diesem Streben liegt Magie.“

 Für mich ist das Laufen nicht genug, um mich mit mir selbst zu messen. Deswegen Dirt Runs. Die gleichzeitige Beanspruchung von Ausdauer, Muskulatur und reiner psychischer Kraft ist etwas, das mir sonst wenig geben kann. Wenn man nach 15 Kilometern Laufdistanz am Gipfel des Seekarspitz in Obertauern steht, gerade ein Schneefeld hinter sich gebracht hat und weiß, dass es ab jetzt nur noch bergab geht, dann fühlt man, dass die chemischen Fabriken im Körper gerade im Akkord Dopamin und Adrenalin produzieren. Die Welt wird klein, die Sorgen irrelevant, nur der nächste Schritt zählt.

 

Das kleine innere Nirvana erscheint.

 

Und in diesem meditativen Zustand, diesem feinen Tango an der Grenze der eigenen Leistung, dieser Zen-Erleuchtung der Anstrengung und des Gefühls, nicht mehr atmen zu können und dennoch gierig weiterzumachen mit Atmung und Lauf, steckt eine Erkenntnis. Die Erkenntnis, dass diese Gratifikation, dieses Mit-sich-selbst-zufrieden-sein, überlebenswichtig ist. Jeder Mensch sollte einen Grund haben, am Morgen aus dem Bett zu steigen, seinen Tag zu schaffen, hinauszugehen und der Welt seinen Stempel aufzudrücken.

Wichtig ist dabei, dass man sich nicht nur auf einen Bereich versteift. Ein Mensch, der nur für seine Arbeit und seine geistige Belohnung, die er daraus zieht, lebt, wird wahrscheinlich auf die Dauer ebenso unglücklich sein wie jemand, der sich nur über sein soziales Umfeld oder seine sportlichen Erfolge definiert. Balance ist hier, wie überall, die Kaiserdisziplin.

Doch im Endeffekt bleibt eine einzige Frage übrig, die jeder für sich selbst beantworten muss:

 

Was ist dein Grund das Bett zu verlassen?